Wie verhalte ich mich, wenn sich mir ein Kind anvertraut?
In diesem Abschnitt möchten wir ein paar Grundlagen vermitteln, die innerhalb eines Gespräches mit dem betroffenen Kind wichtig sind. Sie erleichtern es Kind, sich Ihnen anzuvertrauen und sich unterstützt und begleitet zu fühlen.
Glauben Sie dem Kind
Auch wenn Ihnen das Erzählte unfassbar erscheint oder Sie das Kind schon früher als fantasievoll bzw. übertreibend erlebt haben: Glauben Sie dem Kind. Es kommt vor, dass Pädagog/innen Erzählungen von Kindern anzweifeln, weil sie vermuten, dass das Kind Aufmerksamkeit bekommen oder sich wichtig machen will. Die Erfahrung bestätigt allerdings, dass Kinder in der Regel nicht von Situationen erzählen, die für sie selbst mit Scham besetzt oder anderen unangenehmen Gefühlen verbunden sind. Also gilt: Kinder brauchen Unterstützung, wenn sie sich anvertrauen!
Bleiben Sie ruhig
Vermitteln Sie dem Kind Sicherheit, indem Sie versuchen, im Gespräch ruhig zu bleiben und zuzuhören. Es hat Sie als Vertrauensperson ausgewählt. Kinder machen sich häufig Gedanken um das Gegenüber, z. B. „Kann meine Lehrerin das aushalten?“ Nehmen Sie dem Kind diese Verantwortung.
Gehen Sie auf die Gefühle des Kindes ein
Über die Gefühle betroffener Kinder haben Sie im Kapitel Einführung in das Thema Kinder und häusliche Gewalt gelesen. Greifen Sie die vom Kind benannten Gefühle auf und nehmen Sie dazu Stellung: Z. B.: „Du sagst, dass du dich schuldig gefühlt hast, als dein Papa deine Mama wegen deiner schlechten Schulnote fertiggemacht hat. Aber Kinder haben niemals Schuld daran, wenn Erwachsene sich Anderen gegenüber gewalttätig verhalten.“ Oder: „Da hattest du bestimmt große Angst, und trotzdem war es ganz mutig von dir, dass du die Nachbarn geholt hast.“
Vermeiden Sie „Warum-Fragen“
Fragen nach dem Warum hinterlassen bei einem Kind ein Gefühl von Unzulänglichkeit bzw. eines Vorwurfes. Beispiele: „Warum hast du mir denn das noch nicht früher erzählt?“; „Warum hast du nicht die Polizei gerufen?“
Stellen Sie Fragen, die das Kind dazu verleiten, Ihnen mehr zu erzählen. Fragen Sie mit den so genannten offenen Fragen: „Was hast du dann gemacht?“ „Wie haben sich deine Geschwister verhalten?“ „Worum ging es in dem Gespräch?“ „Wann hat dein Vater deine Mutter das letzte Mal so behandelt?“
Mit offenen Fragen vermeiden Sie außerdem, dass Sie das Kind unbewusst suggestiv beeinflussen. Suggestivfragen sind Fragenstellungen, welche ein „Ja“ oder „Nein“ als Antwort erfordern.
Bei allen Fragen denken Sie daran: Beschränken Sie sich auf die nötigen Informationen, damit Sie sich ein Bild von der aktuellen Situation machen können. Es geht nicht darum, alles zu erfragen.
Bestärken Sie das Kind darin, dass es richtig war sich anzuvertrauen
Betroffene Kinder befinden sich in großen Loyalitätskonflikten, wenn sie sich dafür entscheiden, sich Jemandem anzuvertrauen. Betonen Sie dem Kind gegenüber, dass es völlig richtig war, von diesem Problem zu erzählen. Erklären Sie, dass es und seine Familie Hilfe und Unterstützung braucht, damit die Gewalt aufhört.
Lassen Sie sich nicht auf Geheimhaltung ein
Es kommt vor, dass ein betroffenes Kind möchte, dass Sie niemandem von seiner häuslichen Situation erzählen. Machen Sie dem Kind klar, dass Sie ihm gegenüber Verantwortung tragen und ihm helfen möchten, damit es ihm, seiner Mutter und den Geschwistern besser geht. Deswegen ist es nötig, dass Sie weitere Schritte unternehmen. Benennen Sie, was Sie als nächstes unternehmen werden, damit das Kind sich emotional darauf einstellen kann (z. B. „Ich werde mich in der Beratungsstelle beraten lassen, wie ich dir jetzt am besten helfen kann. Ich werde dir sagen, wie es danach weitergeht.“)
Nutzen Sie den Kindernotdienst
Falls das Kind nach dem Gespräch nicht mehr nach Hause gehen will, rufen Sie beim Kindernotdienst an (Tel: 61 00 61) und besprechen Sie mit einem/r Mitarbeiter/in, was zu tun ist.
Besprechen Sie weitere Schritte
Tauschen Sie sich mit einem/r Kollege/in aus und lassen sich beraten. Informieren Sie auch die Schul- bzw. Hortleitung über die Situation des betroffenen Kindes.

