Ich erfahre von häuslicher Gewalt - wie gehe ich mit meinen Gefühlen um?

Wenn Sie als Lehrer/in oder Erzieher/in von einem Kind erfahren, dass es häusliche Gewalt erlebt, löst das in der Regel eine Vielzahl von Gefühlen aus. Es ist sehr wichtig, dass Sie sich Ihrer individuellen Gefühle bewusst werden, damit diese Sie in Ihren weiteren Maßnahmen nicht beeinträchtigen und somit einer professionellen Intervention im Wege stehen. 

Einige dieser Gefühle möchten wir kurz benennen und erklären, in welchem Zusammenhang sie stehen:

Das Wissen um häusliche Gewalt kann beispielsweise Wut und starke Antipathie  gegenüber der gewalttätigen Person auslösen. Diese Gefühle sind verständlich. Trotzdem ist es wichtig, diese dem Kind gegenüber nicht auszudrücken, denn auch  betroffene Kinder lieben ihren Vater oft trotz der Gewalttätigkeit. Diese Liebe muss respektiert werden. Achten Sie im Gespräch mit einem betroffenen Kind darauf, nur die Handlungen des gewalttätigen Elternteils zu bewerten, nicht die Person selbst. (z. B. „dein Vater hat deiner Mutter sehr weh getan, das darf er nicht“ anstelle von „dein Vater ist schlecht“) Wenn Sie Ihre Wut, welche dem Vater gilt, im Gespräch mit dem Kind gegenüber ausdrücken, kann das Kind dazu neigen, den Vater zu verteidigen und es wird Ihnen möglicherweise künftig nichts mehr über die Gewalt zuhause erzählen.

Wenn Sie von häuslicher Gewalt erfahren, kann das ein Gefühl der Überforderung oder Hilflosigkeit auslösen: Was soll ich tun? Wie kann ich diesem Kind helfen? Halte ich das aus, was mir das Kind erzählt?

Beachten Sie hierzu: Im ersten Gespräch geht es darum, Fakten zu sammeln und zu bündeln. Sie müssen keine Lösungen parat haben. Nur wenn Gefahr im Verzug besteht, müssen Sie sofort handeln (siehe Was sind meine Pflichten bei einem Verdacht von Kindeswohlgefährdung? und : Die Rolle des Jugendamtes). Nutzen Sie die Möglichkeit, eine Kollegin oder eine Beratungsstelle (eventuell auch anonym) zu kontaktieren.

Oft entsteht ein Gefühl von Panik: Sie möchten schnell helfen und alles tun, damit das Kind dieser Situation nicht länger ausgesetzt ist. Versuchen Sie, tief durchzuatmen, einen kühlen Kopf zu bewahren und Prioritäten zu setzen. Unüberlegtes Handeln kann weit reichende Folgen haben. Wenn Sie sich bei einer Kollegin/Ihrer Fachleitung/der Beratungsstelle Unterstützung holen und die weiteren Schritte gemeinsam gut planen und absprechen, kostet das zwar Zeit, aber dem Kind ist damit besser geholfen als wenn Sie überstürzt handeln.

Im Laufe des Hilfeprozesses kann es vorkommen, dass Sie beginnen, an den Aussagen des Kindes zu zweifeln oder denken, dass das Kind übertreibt. Machen Sie sich bewusst, dass Kinder solche Gewalterlebnisse in der Regel nicht erfinden. Die Gewalt ist für Außenstehende oft unvorstellbar, das bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht stattfindet.

Manchmal neigen Helfer/innen im Laufe des Hilfeprozesses dazu, den Täter zu entschuldigen. Oder sie glauben, das Opfer hätte die Gewalttat provoziert oder durch sein Verhalten hervorgerufen. Machen Sie sich bewusst, dass genau das die Strategie von gewalttätigen Männern ist: Sie übernehmen nicht die Verantwortung für ihre Gewalttaten, sondern versuchen, dem Opfer die Verantwortung zuzuschieben.

Sprechen Sie mit Anderen über Ihre Gefühle und planen Sie mit anderen Fachleuten weitere Schritte.